Love van Paul

Folge dem Faden

Ein Leben im Schleudergang

admin 4 Minuten

Ein Leben im Schleudergang
Kennst du das auch, wenn das Leben plötzlich durch eine Diagnose, durch sich verändernde Lebensumstände komplett aus den Angeln gehoben wird? Bei mir war und ist das so.

 Es gibt Tage, da komme ich sehr gut damit zurecht, richte mich aus, fahre meinen Fahrplan für Gesundheit und versuche mich nicht so sehr davon abbringen zu lassen.

 Aber es gibt auch Tage wie heute. Die anfangen mit dem Lesen einer Nachricht, dass mein Pflegegrad komplett aberkannt wurde, obwohl ich dringend mit der Höherstufung gerechnet habe. Und mit der fast gleichzeitigen Aktivierung des Gefühls, dass mein Leben seit einem Jahr nur noch im Schleudergang besteht und ich dringend in das Pflegeleicht-Programm wechseln möchte.


Solche Tage wie heute sind äußerst schwer zu nehmen. Weil schlechte Nachrichten und alles, was mit existenziellen Sorgen zu tun hat, sofort in meinem autonomen Nervensystem Widerhall findet und als Symptom-Verschlechterung spürbar ist. Das wiederum hat zur Folge, dass ich nicht trainieren kann und meine persönliche psychische Verfassung zu wünschen übrig lässt.

Es wäre schön, hier säße grad jemand an meiner Seite und sagte: Wir schaffen das. In diesem Moment jetzt fühle ich mich so lost in einem System, von dem ich vorher keine Ahnung hatte.

Weshalb ich das schreibe?
Vielleicht geht es dir manchmal ähnlich und ich möchte dir und wahrscheinlich vor allem mir einfach sagen: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht allein damit. Und es ist nicht meine und es ist auch nicht deine persönliche Schuld, und es ist nicht unser persönliches Versagen.


Denn zumindest bei mir springt dann das Gremlin an, das Unterbewusstsein der frühen Prägung und fragt: Okay, was mache ich falsch, warum kann das nicht einfach mal gut laufen, warum können nicht wenigstens die Dinge sich mal klären? Und ich glaube, das sind alles sehr verständliche, aber komplett unnütze Fragen.

Die erste Frage sollte sein: Okay, wie unterstütze ich mich und meinen Körper jetzt so gut es mir möglich ist, mit dieser Nachricht und dem, was sie auslöst, zurechtzukommen. Wie kann ich mich selbst gut um mich kümmern und dafür sorgen, dass diese nachvollziehbaren Emotionen mich nicht überschwemmen und mit sich reißen?


Mittlerweile kann ich immer öfter glauben, dass ich stark bin, auch wenn mein Gefühl da manchmal noch hinterherhinkt. Und dass dies meine eigene Heldinnenreise durch das Leben ist. Und dass ich einfach mit Herausforderungen konfrontiert bin, wie sie das Leben gerade durch mich hindurchwebt.

 Aber es gibt Tage, da gelingt es mir gar nicht gut, damit zurechtzukommen und den Fokus zu halten. Weil es verdammt nochmal sehr ungerechte, große Herausforderungen sind.


Und wahrscheinlich möchte ich jetzt wieder Michael Galyon anführen. Ich werde auf die Suche gehen nach Worten, die mich trösten.

Dir wünsche ich in solchen Momenten Menschen, die an deiner Seite stehen, die für dich da sind, die du anrufen kannst, die vorbeikommen, die vielleicht keine Lösung haben, aber die sagen: Ich bin da. Und dass du die Ressourcen aufbringen kannst, um das, was in dir gerade aufgewühlt ist, zu halten und zur Ruhe kommen zu lassen.


Was mir heute hilft:
Ich habe heute eine Kunsttagebuchseite gemacht. Das Foto zeige ich euch unten. Sie ist mit dem Text versehen: deck mich zu mit Zärtlichkeiten.

 Ich wünsche mir heute, dass jemand vorbeikäme, mich in den Arm nähme und mir Trost spendete. Da sich dieser Wunsch nicht erfüllen wird, kann ich das, was mir zur Verfügung steht und was mir in diesem Moment möglich ist, aufnehmen und ergreifen. Mir selber so viel Zuspruch und Freundlichkeit entgegenbringen wie möglich und dem Anteil in mir, der Halt sucht, Halt gewähren.


Eine Blogseite, ein Telefonat mit meiner besten Freundin, wo alle Tränen flossen, die ich zur Verfügung hatte, ein Blick auf das Licht in den Bäumen, mehrere tiefe Atemzüge und mir gut zusprechen: Ich werde es schaffen, mit oder ohne Pflegegrad, mit oder ohne gesetzliche Lösung.

 Ja, und ich würde sagen, dies alles zusammen reduziert die Schleuderzahl. Ich bin nicht mehr bei 1800, falls es so etwas gibt. Ich bin jetzt bei 600.

Und vielleicht ist das manchmal das Beste, was wir tun können: die Drehzahl etwas verringern.