Tiefe 1: the warmth inside

Ich sitze am Fenster und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich bin seit Tagen wieder etwas angeschlagen und fröstle. Die wärmende Sonne tut mir gut, umso mehr, als es so selten ist in meinem dunklen Hinterhofzimmer und ich den ganzen Sommer keinen Schritt vor die Tür setzen konnte.
Während ich mit geschlossenen Augen die Wärme der Sonne im Gesicht spüre, taucht die Erinnerung an ein Foto auf, an dem ich mich sehe, wie ich in genau der gleichen Haltung sitze, um mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob dieses Foto existiert. Ich denke plötzlich an meine Mutter, als würde sie auch so in der Sonne sitzen. Mit geschlossenen Augen einfach nur die Sonne genießen. Es ist, als würde sie sich in meine Erinnerung hineinschieben, in dieses Bild von mir in der Sonne, das vielleicht gar nicht existiert. Als säßen wir beide da zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die für einen Moment eins ist. Ich zumindest habe keine Erinnerung daran, dass sie je die Muße dazu gehabt hatte.
Meine Mutter und ich.
Meine Mutter ist Ende 2022 gestorben, mit 91 Jahren. Anfang 2023 hatte ich meinen ersten schwereren Covid-Verlauf. Ich weiß noch, dass ich im Sommer bei einer Freundin war und plötzlich das Gefühl hatte, meine tote Mutter würde vor meinem Bett im Raum stehen. Dazu muss man sagen, dass ich schon immer Angst vor Geistern hatte und dass meine Mutter und ich uns zu Lebzeiten, sagen wir mal, nicht so gut verstanden haben. Wir pflegten ein sehr schwieriges Verhältnis miteinander. Dieser Eindruck, dass sie vor meinem Bett steht, war so stark, dass ich mir sicher war, nicht zu spinnen. Aber gerade deshalb war es mir doppelt unheimlich.
Meine Freundin, die in der Spiritualität viel mehr zu Hause ist, gab mir den Tipp, mit dieser Erscheinung meiner Mutter zu sprechen. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. Schlussendlich landete ich irgendwann bei einer Schamanin, die ich bat, irgendetwas zu tun, da diese Präsenz meiner Mutter öfter zu spüren war und mir, gelinde gesagt, sehr unangenehm war. Sie konnte tatsächlich helfen. Wie auch immer sie das machte – sie erklärte mir, dass meine Mutter sich noch nicht von dieser Welt habe lösen können, und half ihr dabei.
Das Verhältnis von Müttern und Töchtern ist manchmal speziell. Ich glaube, es gibt so einige Bücher darüber. Meine Mutter ist 1931 geboren, in den Jahren des Nationalsozialismus und des Krieges aufgewachsen, dazu unter sehr speziellen, sehr traumatischen Bedingungen. Das Erleben dieser Generation von Frauen hat Auswirkungen, gerade auch auf das Verhältnis zu ihren Töchtern. Ich habe noch eine Handvoll älterer Brüder und ich glaube, dass es diese Form von Übertragung bei ihnen nicht gab.
Jedenfalls: Nachdem ich bei dieser Schamanin war, dauerte es ungefähr noch sechs Monate, dann spürte ich wieder ihre Präsenz. Allerdings plötzlich wie eine Präsenz von Energie, von Liebe und Farben. Es war wie wärmendes Licht. In dieser Anwesenheit von Liebe, die alles überstrahlte, konnte ich einen tiefen Frieden finden mit ihr und mit uns. Seit meine Mutter tot ist, verstehen wir uns wunderbar. Das mag sich merkwürdig anhören. Aber ich meine das wirklich so. Ich bin sehr dankbar dafür – und natürlich auch mit Wehmut erfüllt, dass wir diese liebende Verbindung zu ihren Lebzeiten nicht leben konnten. Meine Mutter hat mir mit ihrer anfangs sehr unangenehmen Präsenz ein großes Geschenk gemacht: In dieser ungewohnten und späten Zwiesprache, die ich manchmal mit ihr hielt, konnte ich mich meiner Rüstung entledigen und ihr sagen: Es tut mir leid. Und in dieser Essenz von Liebe – so ungewöhnlich es alles klingen mag – konnten wir unsere Hürden überwinden und unsere Beziehung transformieren. Und mir fällt ein Satz von Julia Goessler ein, aus einem Onlinekurs: Was wäre, wenn es keine Schuld gäbe?
In meiner Prägung ist Schuld ein so selbstverständliches Element, dass ich es nicht als etwas Besonderes wahrgenommen habe. Wie ein Unterstrom, der verinnerlicht wurde zu etwas, das in den Zellen steckt. Vor einigen Jahren habe ich, in Bezug auf transgenerationale Traumata, gelesen – ich weiß nicht mehr wo –, dass dieses Konstrukt von Schuld nicht in jeder Familie vorhanden ist. Es gibt Familien, in denen Schuld gar kein Thema ist. Diese Erkenntnis hat mich tief beeindruckt.
Ich weiß, meine Mutter hat ihr Bestes gegeben auf der Grundlage ihrer Möglichkeiten. Auch wenn es zu vielen Verletzungen und Grenzüberschreitungen geführt hat, glaube ich, dass sie alles aus Liebe getan hat. Wenn auch vielleicht in einer sehr speziellen Art und Weise.
Heute Vormittag kam mich diese Geschichte wieder an. Und es gilt ja auch für mich: Was wäre, wenn es keine Schuld gäbe? In mir, mit mir, in diesem Leben und in den Beziehungen, die ich hatte, und die ganzen Verletzungen, die es gibt und gab. Ich spüre die Sonne auf meiner Haut. Was kann ich loslassen, wenn es keine Schuld gibt? Dass es keine Schuld gibt, daran nicht gesund zu werden – zumindest bislang. Und keine Schuld für alle Rückschritte. Was ist, wenn ich wirklich mein Bestes gebe, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt?
Ich weiß, dass ich den ganzen Sommer die Sonne verpasst habe. Diese Qualität der Sonne, die bis in die Tiefe wirkt. Dieses innere Aufwärmen von Körper und Seele. Die kurze Sonne heute in meinem Gesicht hat etwas sehr Versöhnliches in mir ausgelöst. Nicht ohne Wehmut – natürlich gibt es viele verpasste Chancen. Aber ich glaube, so ist das Leben. Ich habe so viel Tiefe, Glück und Liebe erlebt. Ich bin wirklich beschenkt. Und gleichzeitig bin ich mit einem so absolut großen Schmerz und vielen Verlusten konfrontiert, dass ich mich manchmal frage, warum mein Leben so verläuft. Gestern kam mir plötzlich ein Satz: Agaven bluten den Saft des Lebens aus.
Heute habe ich keine Antwort. Aber die Sonne steht an meinem Fenster und ich sitze hier und lasse mich wärmen.